In der Literatur, beim Scrollen durch das Internet oder in Titeln von Büchern: mal lesen wir vom Tao, mal vom Dao.
Welche Bezeichnung ist nun richtig und was bedeutet das überhaupt?
Die chinesische Sprache ist ganz anders strukturiert als die uns geläufigen europäischen Sprachen. Es gibt keine einzelnen Buchstaben, sondern Silben, die eher einem Wortfeld entsprechen und ein dazugehöriges Schriftzeichen. Jedes Schriftzeichen ist mehrdeutig und nur aus dem Zusammenhang ist ersichtlich, ob es gerade als Verb, als Adjektiv oder als Substantiv verwendet wird.
Als ab dem frühen 18 Jahrhundert erste Handelsreisende, Forscher und Missionare allmählich nach China vordrangen, sahen sie sich mit dieser völlig fremdenSprachstruktur konfrontiert. Es ist eine unglaubliche kulturelle Leistung, sich diese Schriftbilder, die teilweise eher wie Piktogramme anmuten, anzueignen.
Hinzu kommt, dass China ein riesiges Land ist, mit unterschiedlichen Volkgruppen, die die Schriftzeichen jeweils anders aussprachen. Erst recht gab es keinerlei Ausspracheregeln für europäische Ohren – so versuchte man, die Worte so aufzuschreiben, wie man sie hörte…
Richard Wilhelm (1873–1930), studierte in Tübingen Theologie und ging 1899 im Dienst der Ostasienmission als Missionar in das damalige deutsche Pachtgebiet Qingdao. Er lernte vor Ort Chinesisch und in Ermangelung standardisierter Übersetzungshilfen entwickelte er eine eigene Transkription ins Deutsche. Er begegnete den chinesischen Gelehrten auf Augenhöhe und interessierte sich sehr für die ihre Kultur und Philosophie.
Zwischen 1910 und 1930 übersetzte R. Wilhelm zahlreiche Texte ins Deutsche – ihm ist es zu verdanken, dass die Werke von Laozi, Kongzi (Konfuzius) oder Mengzi (Menzius) ihre große Bekanntheit im Westen erlangten – allerdings in seiner eigenen Transkription!
So blieb es lange beim Tao oder dem Tao Te King…
1956 wurden in der Volksrepublik China die sogenannte Pinyin Umschrift entwickelt, die es erlaubt, alle chinesischen Schriftzeichen in lateinische Buchstaben umzuschreiben und die auch eine gültige Ausspracheregelung hat. So hat sich ein internationaler Standard, der seit 2009 auch auf Taiwan anerkannt ist, herausgebildet.
Manche argumentieren, dass sich der Begriff „Tao“ sozusagen eingebürgert hat – aber ich finde, aus Respekt gegenüber eine fremden Kultur gehört es sich, die dort gebräuchliche Umschrift und Ausspracheregelung zu berücksichtigen. Auch für die Eigennamen der großen chinesischen Meister verwende ich die Pinyin-Umschrift – also Laozi statt Laotse oder Kongzi statt Konfuzius. Die Aussprachereglungen gelten für alle Sprachen mit lateinischen Buchstaben, so sind die Worte also nicht „deutsch“ zu lesen.
Die Endung -zi wird ungefähr tse, mit kurzem Vokal, ausgesprochen und die Vokalkombination ao etwa wie au
Zum Stichwort „Dao“ (sprich: Dau) – finden wir im Langenscheidt Taschenwörterbuch folgende Bedeutungsinhalte: Weg, Straße, Art und Weise, Methode, Lehre – sowie als Verb gebraucht: sagen, sprechen, denken.
Mit Dao kann also ganz konkret ein vorhandener Weg gemeint sein, aber Laozi verwendet es zumeist im übertragenen, im philosophischen Sinne. Der Weg meint die Art und Weise, wie etwas passiert, meint einen Prozess, eine Entwicklung – auf keinenFall etwas Vorgegebenes, Festgelegtes!
In der alten chinesischen Kultur, die wir heute als Daoismus bezeichnen, wird das ganze Universum als ein sich ständig wandelnder, lebendiger Organismus beschrieben – auch die Weltentstehung wird nicht als Schöpfungsakt, sondern als Prozess verstanden, der aus sich selbst heraus entstand. Er kommt völlig ohne Schöpfer, ohne Plan und Absicht aus…- einfach so, spontan!
Mit Dao wird das höchste Ordnungsprinzip (der ewige Wandel) beschrieben und wie eine Mutter ihr Kind, trägt das Dao alles, was werden kann, wie einen Keim in sich. Das Dao bezeichnet gleichzeitig die höchste Leere, das Nicht-Seiende, aus der heraus das Seiende entsteht.
Das Schriftzeichen für Dao besteht auf der linken Seite aus einem Symbol für Bewegung (gehen, fließen) und der rechte Teil kann als Kopf mit Haarschmuck gedeutet werden. So kann es auch „(jemandem) einen Weg bahnen“ bedeuten.
Wichtig zu verstehen ist, dass das Dao nicht definiert werden kann, nicht festumrissen, nicht festgehalten werden kann. Es ist wie der Lauf des Wassers, das in ständiger Abstimmung mit der Umgebung und den meteorlogischen Bedingung fließt. Mal als kleines Rinnsal, mal als reißender Strom. Mal geduldig einen großen Stein aushöhlend, mal sich weit über die Ufer ausdehnend in die Landschaft ergießend.
In Harmonie mit dem Dao leben, was ein ursprüngliches Ziel der Übungen der Lebenspflege (Qigong) war, heißt, Wandel zu akzeptieren, den Prozess von Werden und Vergehen zu verstehen und immer wieder einzutauchen in die große Stille, aus der heraus alles entsteht. Wunderschön ist es im 16. Vers des Daodejing (dem Klassiker vom Dao und seiner Wirkkraft) ausgedrückt:
Das äußerste Leersein erreiche,
die unerschütterliche Stille bewahre.
Die 10.000 Dinge entfalten sich.
Ich schaue, wie sie sich wieder zurückwenden.
Jedes kehrt zurück zu seiner Wurzel.
Rückkehr zur Wurzel heißt Stille.







