„Oben leicht – unten schwer“

Sowohl im Taijiquan als auch im Qigong wird „Obere Leichtigkeit und untere Stabilität“ angestrebt.

Damit ist ein Idealzustand gemeint, der sich folgendermaßen beschreiben lässt: Unser Kopf ist klar, der Geist strukturiert, der Blick ruhig, das Herz friedlich, die Atmung tief und frei. Die inneren Organe funktionieren einwandfrei, der Beckboden ist kraftvoll und stabil, bietet den Organen eine guten Halt. Die Muskulatur der Beine ist stark und der Rücken entspant. Wir sind über unsere Füße energetisch mit der Erde verbunden und werden am Scheitelpunkt wie an einem Faden vom Himmel her gehalten.

Ein wunderbarer Zustand!

Doch meistens ist es umgekehrt, die Beine schwach, der untere Rücken / die Knie schmerzen, der Nacken und damit die Atmung sind angespannt und blockiert, das Herz in sorgenvoller Unruhe, der Kopf von bleierner Müdigkeit, der Brustkorb eng, der Geist mit allen möglichen Ärgernissen beschäftigt….

Diesen Zustand kennen wir in verschiedenen Facetten nur zu gut!

Da unser Körper immer Ausdruck unserer geistig/seelischen Gestimmtheit ist, können wir über die körperliche Regulierung auch auf unsere Stimmung einwirken. Anlässe für schlechte Laune, für Sorgen und Ängste gibt es viele und nicht immer können wir ihren Ursprung erkennen.

Dann kann es guttun, sich an das Üben zu erinnern.

Die obere Leichtigkeit, die auch eine friedliche Gestimmtheit ausdrückt, hat ihre Wurzeln in der unteren Stabilität. Wenn wir aus einem schulterbreitem Stand unser Steißbein in die Erde sinken lassen, dehnen sich die unteren Wirbel angenehm aus. Die Knie geben von selber nach und wir stellen uns vor, sie würden an Fäden hochgezogen. Das hat einen aktivierenden Effekt auf den Beckenboden, in den wir uns wie in eine Schale hineinsetzten. Die Oberschenkelmuskulatur ist stark und schützt die Knie. Wir können uns Wurzeln vorstellen, die bereits unterhalb der Knie im Inneren der Beine beginnen und durch die Füße 9 m tief in die Erde reichen. Sich diesen Wurzeln anzuvertrauen, sich nach unten loslassen zu können, hat einen positiven Effekt auf unsere Stimmung.

Vielleicht ist dies der wichtigste Punkt: das Vertrauen darin, von der Erde getragen zu sein, sich niederlassen zu können, Gewicht (auch im übertragenen Sinne) abgeben können – dann kann unser Geist sich entspannen; die Gedanken werden wieder klarer. Alle unnötige Anspannung kann von oben nach unten abfließen, die Wirbelsäule hängt frei, wie an einem Faden.

Je mehr wir uns lassen können, desto gelassener werden wir.

Immer wenn es uns einfällt, können wir ein paar Minuten einfach nur so stehen, schulterbreit, die Brustbeinmitte sanft nach innen gelöst, die Achselhöhlen haben Raum, der Unterkiefer locker, die Augen lächeln….

Auch wenn es körperlich etwas anstrengend sein kann, weil unsere Oberschenkelmuskulatur nicht gewohnt ist, den Körper zu tragen – es lohnt sich diese Haltung, mit Himmel und Erde verbunden, zu üben. Wir können in dieser Positon die Arme, leicht gerundet, als würden wir einen Ball umfassen, etwa auf Herzhöhe heben und uns ganz in diese Haltung hinein entspannen. Dies wird auch „Stehen wie ein Baum“ genannt.

Oder wir praktizieren eine einzelne Übung, die uns gerade einfällt, mit der starken Betonung des Aspektes „Oben leicht – unten schwer“.

Auch wenn wir in ein schwieriges Gespräch gehen, können wir innerlich diese Haltung abrufen, uns unserer Wurzeln vergewissern und nachgeben, im Herzen und im Geist – vielleicht nimmt das Gespräch einen anderen Ausgang.

Diese Nachgiebigkeit, die auf großer Stärke gründet, ist seit jeher Thema der Daoisten gewesen.

Es gibt auf dieser Welt nichts Weicheres

und Schwächeresals Wasser.

Und doch vermag es, die härtesten und größten Felsbrocken

zu bewegen und auszuhöhlen.

Es gibt nichts Vergleichbares.

Das Schwache überwindet das Starke,

und das Weiche überwindet das Harte;

das weiß jeder auf Erden,

und doch verhält sich niemand danach.

Laotse, Vers 78

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