Neujahrsgruß

In der TCM, besonders in der chinesischen Ernährungslehre, aber auch im Qigong begegnen uns die „Fünf Elemente“. Die nebenstehende Abbildung ist mittlerweile recht bekannt. Das chinesische Wort dafür ist „Wuxing“ – und es könnte wohl keinen größeren Irrtum geben, als dieses Schriftzeichen in Anlehnung an die vier Elemente der griechischen Tradition eben mit „Fünf Elemente“ zu übersetzen.

„Wu“ bedeutet hier die Zahl fünf, „Xing“ heißt aber „zu Fuß gehen, reisen, unterwegs sein“ und zeigt in seinem Schriftzeichen eine bewegte Dynamik an.

Und dennoch hält sich die Übersetzung „Fünf Elemente“ hartnäckig, auch wenn sie immer öfter durch „Fünf Wandlungsphasen“ ersetzt wird.In der westlichen Tradition suchte man auf der materiellen Ebene nach den Ursubstanzen, auf der philosophischen Ebene nach dem Ewigem, dem Letzen, Unwandelbarem. Dieses Denken ist dem Chinesischen Geist vollständig fremd und die Begriffe in der Abbildung wie Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser stellen nicht feststehende Einheiten dar, sondern Transformationsprozesse  und zeigen Richtungen von Energieverläufen an. Feuer symbolisiert beispielsweise eine sich ausbreitende Energie, wie wir sie im Sommer oder in einer entzündlichen Erkrankung finden, Holz steht für das Aufbrechen, den Beginn, das nach oben Durchbrechen, wie wir es im Frühling spüren. Auf körperlicher Ebene steht Holz für die Regenrationskraft, so wie die Natur sich im Frühjahr wieder regeneriert, so ist im Menschen die Leber für diese Energie zuständig. Die „Fünf Wandlungen“ sind ein System von Zuordnungen, die  sich genauso auf den ganzen Kosmos wie auf die körperlichen und psychischen Gegebenheiten jedes einzelnen Menschen anwenden lassen.

Diese Fähigkeit, Wandlung und Transformationen sowohl in der Natur als auch im Menschen zu erkennen und entsprechend darauf zu reagieren, ist die Grundlage der chinesischen Kultur, Medizin, Philosophie. So heißt das Weisheitsbuch der Chinesen, das aus vor-daoistischer und vor-konfuzianischer Zeit stammt, „Yijing“ (alte Schreibweise I Ging) – das Buch der Wandlung.

Es liegt seit mindestens 2600 Jahren in Schriftform vor, hat aber vermutlich eine noch viel ältere mündliche Tradition. Lama Anagarika Govinda schreibt im Vorwort zur Übersetzung von John Blofeld:      

„ Die Schöpfer des I Ging akzeptierten die Tatsache der ständigen Wandlung, denn sie sahen in ihr die natürliche Ordnung der Dinge, das eigentliche Wesen des Lebens. Sie erkannten darin nicht nur das Prinzip des Vergänglichen und Instabilen, eine Ursache für Leid und Unglück, wie es die Tatsache der Wandlung für jene bedeutet, die sich verzweifelt an die Vorstellung klammern, allein das Unwandelbare und Ewige sei erstrebenswert. Für sie gab gerade die Wandlung dem Leben seinen Sinn und enthielt ein Element der Stabilität, ein ihr innewohnendes Prinzip, das die Menschen sonst immer außerhalb der Welt in einem Bereich transzendentaler Wirklichkeit zu finden hoffen.“

Das Yijing stellt mit seinen 64 verschiedenen Hexagrammen (Strichcodes mit jeweils sechs gebrochenen (Yin) oder durchgezogenen (Yang) Linien) symbolisch verschiedene Lebenssituationen dar. Es wurde als Weisheits- und Orakelbuch benutzt. Um es als Orakel zu benutzen, musste man im wahrsten Sinne des Wortes Selbst-los werden, d.h. in einen meditativen Versenkungszustand gehen, der uns intuitiv die passenden Hexagramme legen lässt. Immer ging es darum, eine gegebene Situation zu verstehen, die Keime für eine darin liegende Gegenbewegung aufzuspüren und offen für die Hinweise zu sein, wie zu handeln wäre, um in Einklang damit zu sein. Es ging nie um ein egozentrisches Handeln, um Herauszufinden, wie wir unseren Willen durchsetzen können sondern es war ein situatives, geradezu systemisches Denken, das viele verschiedene Aspekte miteinbezog.

Auch im Yin-Yang Symbol, das in der daoistischen Tradition eine große Rolle spielt, geht es um Wandlung, um Transformation, und darum, auf den Keim des jeweiligen Gegenteils zu lauschen – das Yin im Yang und das Yang im Yin zu suchen und so die Chance für ein ganzheitliches Betrachten der Situation zu haben.

Nun wandelt sich in dieser Nacht das Jahr 2018 in das Jahr 2019 und wie schön wäre es, wenn wir in diesem Jahr öfter innehalten und lauschen und angstfreier den Wandlungen begegnen könnten! Die Schönheit und Harmonie des Yin-Yang Symbols besteht doch gerade in der Integration des Gegenpols und nicht in seiner Ausgrenzung.

Eine Wandlung fällt mir gerade auf: es ist schon gleich 20 Uhr und bisher habe ich an diesem Silvesterabend in der Mitte von Flensburg erst sehr wenige Böller und Raketen gesehen und gehört – es ist schön zu denken, dass eine Wandlung hin zu mehr Rücksicht auch auf die Natur und Mitwelt beginnt!

Ich wünsch euch allen ein friedliches und gesundes Neues Jahr, in dem Wandlung sein darf!

Related Posts

Bildungsurlaub, nach dem Bildungsfreistellungsgesetz in Schleswig-Holstein anerkannt, biete ich mittlerweile zu drei verschiedenen Themen an. Jedes dieser fünftägigen Seminare gibt einen umfangreichen und tiefen Einblick in die Theorie und Praxis von Qigong, in die traditionelle Chinesische Medizin und Philosophie. Die Schwerpunkte sind unterschiedlich, mal richten sich die Kurse eher an Fortgeschrittene, mal nur an Frauen …

In der Literatur, beim Scrollen durch das Internet oder in Titeln von Büchern: mal lesen wir vom Tao, mal vom Dao.Welche Bezeichnung ist nun richtig und was bedeutet das überhaupt? Die chinesische Sprache ist ganz anders strukturiert als die uns geläufigen europäischen Sprachen. Es gibt keine einzelnen Buchstaben, sondern Silben, die eher einem Wortfeld entsprechen …

Laozis Daodejing gehört zur Weltliteratur, ist das, nach der Bibel, am häufigsten übersetzte Buch und doch geht die darin enthaltene Weisheit allmählich verloren. Es hat über viele Generationen und Länder hinweg Menschen fasziniert und bietet die Möglichkeit, Unterschiedliches in ihm zu entdecken. Doch hat das nichts mit Beliebigkeit zu tun, sondern enthält die Chance, Vieldeutigkeit …

Vom 22.06.2026 bis 19.07.2026 werde ich eine Pause machen und in dieser Zeit auch keine Mails beantworten. Anschließend bin ich mit frischer Energie wieder für euch da! Rückkehr ist die Bewegung des Dao. Sanftheit ist die Wirkung des Dao. Alle Dinge unter dem Himmel entstehen im Sein. Das Sein entsteht im Nicht-Sein.Laozi, Vers 40

In diesem Jahr gibt es im Juni zwei Termine zu den "Acht Brokatübungen - Baduanjin" auf der Wiese vor dem Schlosssee. Die „Acht Brokatübungen“ sind eine etwas sportlichere Methode, mit schönen Meridiandehnungen. Vorher gibt es Lockerungs – und innere Vorbereitungsübungen. Es sind keine besonderen Vorkenntnisse erforderlich. Im Freien zu üben, den See und den Wald …

Am 17.02.2026 beginnt nach der alten chinesischen Tradition das Neue Jahr –  es richtet sich nach dem zweiten Neumond nach der Wintersonnenwende – der Himmel muss leer sein und die Tage schon wieder länger werden, dann kann ein neues Jahr beginnen. In China wird das Neujahrsfest auch „Frühlingsfest“ genannt – es ist das wichtigste Fest …