Wenn der Himmel die Erde trägt……

geschrieben von am Dezember 26, 2014

Wenn der Himmel die Erde trägt……

Vor 15 Jahren hat die Flensburger Kalligraphie Künstlerin Hanako C. Hahne ein Schriftzeichen gemalt, dessen Bedeutung „Ruhe, Stille, Frieden“ mir für den  Qigong Weg passend erschien und ich durfte es auf meinem Flyer und der Homepage verwenden.

Bei meiner Beschäftigung mit dem Jahrtausende altem Weisheitsbuch „I Ging“, dem „Buch der Wandlung“, entdeckte ich dieses Zeichen wieder! Es ist das Schriftzeichen für das                           11. Hexagramm „Tai – Ruhe, Frieden, Stille“.

Jedes Hexagramm besteht aus zwei Trigrammen, die jeweils aus drei Strichen (gebrochene Yin-Linien und/oder durchgehende Yang-Linien) bestehen. Die 64 Hexagramme stellen alle möglichen Kombinationen von zwei Trigrammen dar und werden als Orakel benutzt. In der Auslegung werden nicht starre Anweisungen gegeben, sondern es wird auf den Gesamtcharakter eines Bildes und auf die darin enthaltenen Keime zu Wandlung und Veränderung geschaut.

Das 11.Hexagramm besteht aus den drei durchgehenden Linien für „Himmel“ und darüber den drei gebrochenen Linien für“ Erde“:

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„Frieden“ wird also durch den Himmel unten und darüber die Erde dargestellt, was befremdlich erscheint, da dies der wahrgenommen Realität widerspricht.

Im 12. Hexagramm, das das komplementäre Bild darstellt (unten die Erde und darüber der Himmel, wie es uns „normal“ erscheint), lesen wir die Bedeutung „Die Stockung“. Die schwere Erde sinkt nach unten, der leichte Himmel steigt nach oben – daher ist ein wirkliches Durchdringen beider Ebenen nicht möglich, sondern es wird als Getrenntsein, als Auseinandertreiben wahrgenommen. So ist keine Entwicklung und Veränderung möglich, Himmel und Erde fallen immer weiter auseinander und Wandlungen geraten ins Stocken.

Frieden ist möglich, wenn der „Himmel“ auf die „Erde“ kommt und beide sich durchdringen

Für das 11. Hexagramm „Tai“ übersetzt Thomas Cleary das Gesamturteil, dass die zusammenfassende Bedeutung in einer Befragung darstellt, wie folgt: „In der Stille geht das Kleine und kommt das Große mit glückverheißendem Erfolg. Dies bedeutet, dass Himmel und Erde zusammenwirken und alle Dinge und Wesen Erfüllung finden. Oben und unten wirken zusammen und sind eins in ihrem Willen. Yang im Inneren und Yin im Äußeren symbolisieren innere Stärke, die nach außen hin ergeben ist, so wie ein Mensch, der in seinem Inneren edel ist, aber äußerlich gewöhnlich erscheinen mag….“

Qigong ist ein Weg, diese Verbindung von Himmel und Erde übend zu erfahren, ganz leiblich, ganz in der eigenen Haltung sich ausdrückend. Mit unserer Haltung, die einerseits durch die Verwurzelung zur Erde und die Aufrichtung zum Himmel den Körper wie einen Kanal dazwischen seinlässt und Austausch ermöglicht und andererseits äußere Entspannung mit innerer Stabilität verbindet, verkörpern wir das Zeichen „Tai“.

Für das Stille Qigong und die daoistische Meditation gilt das umso mehr, als hier die Grenze zwischen Sein und Nicht-Sein gesucht wird; in diesem offenen Zustand zwischen Existenz und Nicht-Existenz, zwischen Wachen und Schlafen besteht die Möglichkeit zu einer Qi-Wahrnehmung und einer Transformation, weil hier zwei Dimensionen korrespondieren, die wir sonst als getrennt wahrnehmen.

Ruhe und Stille, die sich als Frieden ausdrücken, entstehen, indem der Himmel (Yang, das Nicht-Sichtbare, Geist) die Erde (Yin, das Sichtbare, Materie) trägt. Im 40. Vers das Daodejing heißt es: „Die 10.000 Dinge entstehen aus dem Sein, und das Sein entsteht aus dem Nicht-Sein.“

Oft fühlen wir uns nach dem Qigong üben in einer besonderen Weise friedlich, vielleicht, weil unser „Sein“ mit der Dimension des „Nicht-Sein“ in Berührung gekommen ist, die uns letztlich trägt.

Doch dieser Frieden ist nicht ewig und kann nicht festgehalten werden, sonst würde er selber starr werden. Schon die Wandlung zum nächsten Hexagramm „Die Stockung“ zeigt uns wieder den Zustand des Getrenntseins an. So müssen wir uns immer wieder neu auf den Weg machen, „Himmel“ und „Erde“ zu verbinden und daraus etwas Neues entstehen zu lassen.

Auch das Qi entsteht in diesem Raum; Meister Li Zhi-Chang hat es folgendermaßen beschrieben:

Woher kommt das Qi?
Aus dem Bereich des Nichts im Sein.
Aus tiefer, innerer Ruhe.
Aus einem Zustand höchster Entspannung (Selbstvergessenheit), in dem eine kleine Bewegung beginnt.
Wenn diese Bewegung von selbst entsteht, entsteht Qi.

 

In diesem Sinne wünsche ich euch allen ein glückliches und friedliches Neues Jahr in dem sich Himmel und Erde immer wieder berühren!