Der Fluss des Lebens

geschrieben von am Mai 21, 2018

Der Fluss des Lebens

Nach einer schmerzfreien Zeit, tat mein Fuß in letzter Zeit immer wieder weh und ich wusste manchmal gar nicht, welche Schuhe ich anziehen soll. Ein Zustand, den ich gerne nicht gehabt hätte!

Im Qigong realisiert man den ständigen Wandel des Lebens durch Ein- und Ausatmen, durch Öffnen und Schließen, durch Dehnen und Lösen, mal links, mal rechts, usw.  Und doch wünschen wir uns Wandel wohl immer eher in die angenehme Richtung und vergessen, dass das unmöglich ist. Auch die guten Zustände werden sich verändern, müssen sterben, damit Neues entsteht. Dies geht vom Tag unserer Zeugung an so, Zellen entstehen und vergehen, Formen entstehen und verändern sich, wir nehmen Eindrücke auf und vergessen sie wieder – jeden Tag Sterben, jeden Tag Neugeburt.

Oft entsteht ein Widerstand, der uns starr macht und das Gegenteil von Offenheit ist,  wenn wir uns diesem Wandel nicht anvertrauen.

Wie gerne würden wir einen erreichten friedvollen, heiteren Zustand festhalten und sind  enttäuscht, wenn sich doch wieder dunkle Wolken davor schieben. Dass wirklich nichts festgehalten werden kann, zeigt sich mir gerade an alten Fotos. Ich nutze die freie Zeit, um Fotos zu sortieren – und musste feststellen, einige sind vergilbt, von anderen weiß ich kaum noch, was darauf ist….

Bilder, auf denen meine verstorbene Mutter so jung aussieht, Fotos, auf denen mein Enkelkind so aussieht, wie mein Sohn vor 30 Jahren oder ich als Kleinkind, bei der Einschulung, als Jugendliche…..- gibt es etwas Stabiles in diesem Wandel?

Werden und Vergehen ziehen sich wie eine große Welle durch die Flut der Fotos.

Als ich vor einigen Jahre zum ersten Mal folgende Zen Geschichte hörte, war ich tief berührt:

Meister Mazu war erkrankt und kurz vor seinem Tod besuchte ihn der Hauptmönch des Klosters und fragte ihn nach seinem Befinden. Meister Mazu antwortete: „Buddha Sonnengesicht, Buddha Mondgesicht.“

Diese Worte wirken einerseits rätselhaft, aber andererseits spüren wir vielleicht intuitiv etwas von der Bedeutung: es gibt zwei Ebenen in unserem Dasein, die vergängliche, phänomenale, die jeweils nur einen Augenblick währt und die andere, die jenseits von Werden und Vergehen ist. In jedem Moment sind beide Seiten da.

Wir trennen in der Regel unsere Erfahrungen in „gefällt mir“ und „gefällt mir nicht“ und wie sehr hat sich diese Art von Bewertung im Zeitalter von facebook und co. in uns eingegraben.

Aber in Momenten tiefer Stille können beide Ebenen in-eins fallen und eine Ahnung zeitloser Ewigkeit, jenseits von gestern und morgen, jenseits von „Gut“ und „Schlecht“ entsteht.

Aber dann kommt schon der nächste Augenblick, der nächste Gedanke, die nächste Ablenkung….

Und trotzdem – es lohnt sich, immer wieder still zu werden.

Und das Geschehen in meinem Fuß wandelt sich auch wieder zum Positiven, geduldig versuche ich dieses Auf und Ab wie Ebbe und Flut da sein zu lassen.

Hier noch ein schönes Zitat des Religions-Philosophen Alan Watts:

Wenn ich sicher zu sein wünsche,

d.h. beschützt vor dem Fluss des Lebens,

so wünsche ich, getrennt vom Leben zu sein.

(aus: Die Weisheit des ungesicherten Lebens)