Neujahrsgruß

geschrieben von am Dezember 31, 2018

Neujahrsgruß

In der TCM, besonders in der chinesischen Ernährungslehre, aber auch im Qigong begegnen uns die „Fünf Elemente“. Die nebenstehende Abbildung ist mittlerweile recht bekannt. Das chinesische Wort dafür ist „Wuxing“ – und es könnte wohl keinen größeren Irrtum geben, als dieses Schriftzeichen in Anlehnung an die vier Elemente der griechischen Tradition eben mit „Fünf Elemente“ zu übersetzen.

„Wu“ bedeutet hier die Zahl fünf, „Xing“ heißt aber „zu Fuß gehen, reisen, unterwegs sein“ und zeigt in seinem Schriftzeichen eine bewegte Dynamik an.

Und dennoch hält sich die Übersetzung „Fünf Elemente“ hartnäckig, auch wenn sie immer öfter durch „Fünf Wandlungsphasen“ ersetzt wird.In der westlichen Tradition suchte man auf der materiellen Ebene nach den Ursubstanzen, auf der philosophischen Ebene nach dem Ewigem, dem Letzen, Unwandelbarem. Dieses Denken ist dem Chinesischen Geist vollständig fremd und die Begriffe in der Abbildung wie Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser stellen nicht feststehende Einheiten dar, sondern Transformationsprozesse  und zeigen Richtungen von Energieverläufen an. Feuer symbolisiert beispielsweise eine sich ausbreitende Energie, wie wir sie im Sommer oder in einer entzündlichen Erkrankung finden, Holz steht für das Aufbrechen, den Beginn, das nach oben Durchbrechen, wie wir es im Frühling spüren. Auf körperlicher Ebene steht Holz für die Regenrationskraft, so wie die Natur sich im Frühjahr wieder regeneriert, so ist im Menschen die Leber für diese Energie zuständig. Die „Fünf Wandlungen“ sind ein System von Zuordnungen, die  sich genauso auf den ganzen Kosmos wie auf die körperlichen und psychischen Gegebenheiten jedes einzelnen Menschen anwenden lassen.

Diese Fähigkeit, Wandlung und Transformationen sowohl in der Natur als auch im Menschen zu erkennen und entsprechend darauf zu reagieren, ist die Grundlage der chinesischen Kultur, Medizin, Philosophie. So heißt das Weisheitsbuch der Chinesen, das aus vor-daoistischer und vor-konfuzianischer Zeit stammt, „Yijing“ (alte Schreibweise I Ging) – das Buch der Wandlung.

Es liegt seit mindestens 2600 Jahren in Schriftform vor, hat aber vermutlich eine noch viel ältere mündliche Tradition. Lama Anagarika Govinda schreibt im Vorwort zur Übersetzung von John Blofeld:      

„ Die Schöpfer des I Ging akzeptierten die Tatsache der ständigen Wandlung, denn sie sahen in ihr die natürliche Ordnung der Dinge, das eigentliche Wesen des Lebens. Sie erkannten darin nicht nur das Prinzip des Vergänglichen und Instabilen, eine Ursache für Leid und Unglück, wie es die Tatsache der Wandlung für jene bedeutet, die sich verzweifelt an die Vorstellung klammern, allein das Unwandelbare und Ewige sei erstrebenswert. Für sie gab gerade die Wandlung dem Leben seinen Sinn und enthielt ein Element der Stabilität, ein ihr innewohnendes Prinzip, das die Menschen sonst immer außerhalb der Welt in einem Bereich transzendentaler Wirklichkeit zu finden hoffen.“

Das Yijing stellt mit seinen 64 verschiedenen Hexagrammen (Strichcodes mit jeweils sechs gebrochenen (Yin) oder durchgezogenen (Yang) Linien) symbolisch verschiedene Lebenssituationen dar. Es wurde als Weisheits- und Orakelbuch benutzt. Um es als Orakel zu benutzen, musste man im wahrsten Sinne des Wortes Selbst-los werden, d.h. in einen meditativen Versenkungszustand gehen, der uns intuitiv die passenden Hexagramme legen lässt. Immer ging es darum, eine gegebene Situation zu verstehen, die Keime für eine darin liegende Gegenbewegung aufzuspüren und offen für die Hinweise zu sein, wie zu handeln wäre, um in Einklang damit zu sein. Es ging nie um ein egozentrisches Handeln, um Herauszufinden, wie wir unseren Willen durchsetzen können sondern es war ein situatives, geradezu systemisches Denken, das viele verschiedene Aspekte miteinbezog.

Auch im Yin-Yang Symbol, das in der daoistischen Tradition eine große Rolle spielt, geht es um Wandlung, um Transformation, und darum, auf den Keim des jeweiligen Gegenteils zu lauschen – das Yin im Yang und das Yang im Yin zu suchen und so die Chance für ein ganzheitliches Betrachten der Situation zu haben.

Nun wandelt sich in dieser Nacht das Jahr 2018 in das Jahr 2019 und wie schön wäre es, wenn wir in diesem Jahr öfter innehalten und lauschen und angstfreier den Wandlungen begegnen könnten! Die Schönheit und Harmonie des Yin-Yang Symbols besteht doch gerade in der Integration des Gegenpols und nicht in seiner Ausgrenzung.

Eine Wandlung fällt mir gerade auf: es ist schon gleich 20 Uhr und bisher habe ich an diesem Silvesterabend in der Mitte von Flensburg erst sehr wenige Böller und Raketen gesehen und gehört – es ist schön zu denken, dass eine Wandlung hin zu mehr Rücksicht auch auf die Natur und Mitwelt beginnt!

Ich wünsch euch allen ein friedliches und gesundes Neues Jahr, in dem Wandlung sein darf!